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F.A.Z.-Serie
Das zweite Web-Wunder
Von
Holger Schmidt
12.
August 2005
Der vielleicht wichtigste Grund für die Fusion des Axel Springer
Verlags mit dem Fernsehsender Pro Sieben Sat.1 sei, Internetunternehmen
wie Yahoo und Google Paroli bieten zu können, sagte Springer-Chef
Mathias Döpfner. Die Aussage mag zunächst überraschen,
doch sie zeigt eindeutig: Fünf Jahre nach dem Platzen der
Börsenblase werden Internetunternehmen in der Old Economy
endgültig ernst genommen.
Zuvor
hat schon die Suchmaschine Google das Vertrauen der Anleger an
den Kapitalmärkten zurückgewonnen. Das Börsendebut
der chinesischen Suchmaschine Baidu erinnert schon wieder an die
dot.com-Blütezeit und sogar in Deutschland traut sich mit
Interhyp wieder ein Internetunternehmen an die Börse. Das
Internet ist - auch an der Börse - zurück im Rampenlicht.

Siegeszug
der elektronischen Marktplätze
Auf
den Gütermärkten war das Internet faktisch aber immer
präsent, denn dort hat - in aller Stille - die wahre New
Economy längst Einzug gehalten. Heute werden Güter
in großem Stil auf elektronischen Marktplätzen gehandelt;
Entwicklung, Einkauf und Verkauf sind in den Unternehmen ohne
das Internet nicht mehr denkbar. Nach Schätzungen betrug
das Handelsvolumen im Internet im vergangenen Jahr rund zwei Billionen
Euro. Auf Deutschland entfielen rund 200 Milliarden Euro. 30 Prozent
Wachstum im Jahr sind normal.
Auf
den elektronischen Handel zwischen Unternehmen entfallen etwa
95 Prozent des Handelsvolumens. In diesem elektronischen Großhandel
ist Effizienz Trumpf: In einer Welt der standardisierten Produktkataloge
(ver-)handeln heute Maschinen statt Menschen miteinander - schnell,
günstig und vor allem ohne teure Arbeitskräfte.
Elektrisierter
Einzelhandel
Für
mehr Spannung und Diskussionsstoff sorgt das Internet aber im
Einzelhandel. Die Umwälzungen im Handel stehen erst am Anfang.
Aus Rücksicht auf ihren stationären Vertrieb gewähren
viele Unternehmen im Netz noch keine Preisvorteile. Das wird sich
bald ändern. In Zeiten eines schärfer werdenden Wettbewerbs
denken selbst große Autohersteller inzwischen darüber
nach, die Kostenvorteile des Direktvertriebs an ihre Kunden weiterzugeben.
Wenn
der Vorteil groß genug ist, werden sich auch Produkte, die
sich bisher nicht als Web-tauglich erwiesen haben, im Netz verkaufen
lassen. Inzwischen werden sogar Grabsteine per Mausklick verkauft.
Welche Vorteile das Internet bieten kann, zeigt ein Beispiel aus
der Finanzbranche: Bauherren können mehrere Zehntausend Euro
bei ihrem Hypothekenkredit sparen, wenn sie Kreditmakler im Netz
den Vorzug vor klassischen Sparkassen oder Banken geben.

Internet-Aktionäre
feiern ihr Millionärsdasein
Paralleluniversum
Ebay
Für
den Einzelhandel kommt es aber noch dicker. Das Internet hat mit
Ebay ein mächtiges Paralleluniversum zum Handel möglich
gemacht, das viele Kunden aus den Läden fernhält. Produkte,
für die es in der Zeit vor Ebay gar keinen Markt gab, sind
plötzlich leicht verkäuflich geworden. Da Anbieter und
Nachfrager beinahe ohne Transaktionskosten zueinander finden,
steigt die Popularität des Marktplatzes mit jedem neuen Handelspartner.
Heute nutzen mehr als zehn Millionen Deutsche Ebay und mehr als
Zehntausend Menschen haben ihren Arbeitsplatz als Ebay-Händler
gefunden.
Der
Druck auf den Handel kommt aber nicht nur von der Verbraucherseite.
Da die Produzenten die Endverbraucher heute am Handel vorbei direkt
erreichen können, haben sie ein Druckmittel in der Hand,
die Margen des Handels zu senken. Die Entwicklung in der Reisebranche
hat gezeigt: Wenn die etablierten Unternehmen das Internet nicht
konsequent für den direkten Kontakt zum Kunden einsetzen,
tun es eben Neueinsteiger. Neue Geschäftsmodelle wie die
Billigfluglinien wären ohne das Internet gar nicht möglich
gewesen. Kein anderer Vertriebskanal ist für die Unternehmen
so günstig wie das Netz.
Vollkommene
Preisinformation
Die
wahre Herausforderung für den Handel steht aber noch bevor.
Der Kunde erhält dank moderner Technik den Zugang zur vollkommenen
Information über Preise und Anbieter. Der erste Schritt auf
dem Weg ist bereits getan: Produkt- und Preisvergleiche im Internet
gehören zu den Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen
im Internet. Noch nie waren die Verbraucher so gut informiert
wie heute. Viele Kunden kaufen Produkte gleich per Mausklick oder
konfrontieren ihren stationären Händler mit den Preisen
im Internet.
Der
technische Fortschritt ist aber noch lange nicht ausgereizt. Der
nächste Entwicklungsschub wird aus dem Zusammenspiel zwischen
Internet, Mobilfunk und der sogenannten RFID-Technik bestehen,
die Radiowellen zur exakten Identifikation eines Produktes nutzen.
Viele Unternehmen statten ihre Güter mit RFID-Chips aus,
um sie jederzeit exakt orten zu können.
Die
Chips sind auf den Weg, die Barcodes auf den Produkten abzulösen
und ihnen Intelligenz auf Abruf einzuhauchen. Die Funkchips werden
dann auch die Preisinformation und die genaue Artikelbezeichnung
enthalten. Dieses Internet der Dinge wird auch den
Menschen helfen: In nicht allzu ferner Zukunft werden die Kunden
dann im Geschäft mit ihrem Mobiltelefon die Produktinformationen
einscannen und im Internet blitzschnell den günstigsten Anbieter
für dieses Produkt herausfinden.

Schärferer
Wettbewerb
Diese
Preistransparenz kommt dem Ideal in den Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre
schon recht nahe. Preistransparenz bedeutet beinahe automatisch
einen schärferen Wettbewerb, der im Netz heute schon in einigen
Produktkategorien zu beobachten ist. Vor allem für Elektronikartikel,
deren Preise sich leicht vergleichen lassen, führt der harte
Wettbewerb der Onlinehändler zu Preisen, die bis zu 30 Prozent
unter dem Niveau im Einzelhandel liegen.
Die
vollkommende Information bezieht sich aber nicht nur auf die Angebote
der Online-Händler, sondern auch auf die stationären
Händler. Künftig werden die Händler ihre Produkte
in lokale Suchmaschinen eintragen, die den Kunden schnell den
Weg zum gewünschten Produkt weisen. In Verbindung mit Satellitennavigationssystemen
bilden diese Suchmaschinen künftig den perfekten Lotsen für
die Einkaufstour.
Artikel
erschienen am 13.8.2005 - Frankfurter
Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS
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