URLAUBSLAND
Bella Italia macht es ihren Fans schwer
Besser
könnte das Image Italiens als Urlaubsland kaum sein. Doch schlechte
Infrastruktur und ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis vergraulen
die deutschen Reisenden. Die neue Regierung will den Tourismus
zwar fördern, zeigt aber keine konkreten Schritte auf.
Berlin
- Das Image des Landes ist super - doch Image ist eben nicht alles.
Touristen erleben Italien oft als ein eher teures Urlaubsland,
und nach Einschätzung führender deutscher Reiseveranstalter könnte
das Preis-Leistungs-Verhältnis im kommenden Jahr noch schlechter
werden. Bei einem Treffen mit dem neuen Kultur- und Tourismusminister
der Regierung in Rom, Francesco Rutelli, brachten Vertreter der
deutschen Reisebranche in Berlin viel Kritik vor. Konkrete Vorschläge,
wie er für Urlauber die Bedingungen verbessern will, machte Rutelli
aber nicht.

AP
/ Luftbild vom Vatikan: "Kein Land hat weltweit so ein positives
Image wie Italien"
"Kein
Land weltweit hat so ein positives Image wie Italien", sagte
Günther Ihlau, Direktor für Internationale Beziehungen
beim TUI-Konzern in Hannover. Dies wisse Europas größter
Reiseanbieter aus Kundenbefragungen. Doch hohe Hotel- und Nebenkosten
im Lande machten das Preis-Leistungs-Verhältnis im Land des
neuen Fußball-Weltmeisters zum Problem. Insbesondere Familien
hätten sich in den vergangenen Jahren von Italien als Urlaubsland
abgewandt - ihr Anteil an den Gästen sei von 25 auf zuletzt
15 Prozent zurückgegangen.
Die
Hoteliers zwischen Mailand und Neapel sehen in solchen Trends
jedoch offenbar keine allzu große Bedrohung. In den gegenwärtigen
Preisverhandlungen für den Sommer 2007 sehe sich ihr Unternehmen
unerwartet hohen Forderungen ausgesetzt, bemängelte etwa
Sabine Gerhard, Bereichsleiterin Europareisen bei Dertour in Frankfurt/Main.

AFP
/ Kolosseum in Rom: "Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss besser
werden"
Bahnstrecke
über den Brenner wie vor 100 Jahren
Drei
Jahre in Folge habe Italien deutsche Urlauber an andere Reiseländer
verloren, beschrieb Ismael Irace, Italien-Einkäufer beim
Thomas-Cook-Reisekonzern in Oberursel (Hessen), die Entwicklung.
Nun gebe es erstmals wieder steigende Besucherzahlen - und die
Hoteliers meinten, "alles aufholen zu müssen, was ihnen
zuletzt an Preiserhöhungen entgangen ist". Das könne
wegen der gewachsenen Sparneigung der Deutschen nicht der richtige
Weg sein. "Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss besser
werden", sagte auch Jochen Martin, Hauptgeschäftsführer
des Deutschen Reiseverbandes (DRV) in Berlin. "Denn die Deutschen
sind sehr kostenbewusst geworden."
Doch
es sind nicht nur die Preise, die Urlaubern die Lust auf "Bella
Italia" verleiden können. Auch bei der Infrastruktur
gibt es aus Sicht der Experten zum Teil Verbesserungsbedarf. "In
der Türkei gehören 44 Prozent der Hotels zum Vier- und
Fünf-Sterne-Bereich, in Italien sind es nur 23 Prozent",
sagte Ihlau. TUI werde auch deshalb zusammen mit italienischen
Partnern eigene Hotels in Italien bauen. Besondere Probleme haben
auch die Bahn und die Busreisen-Anbieter.

DPA
/ Strand in der Toskana: Bei der Fülle ist ein Rückgang
deutscher Urlauber nur schwer vorstellbar
Beide
haben in den vergangenen Jahren wegen des Billigflieger-Booms
viele Italien-Gäste an den Luftverkehr verloren und würden
durch Qualitätsverbesserungen gerne wieder Boden gut machen.
Als "nicht wettbewerbsfähig" bezeichnete zum Beispiel
Ingulf Leuschel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn
in Berlin, die Strecke über den Brenner. Dort müssten
aus technischen Gründen wie vor 100 Jahren noch immer die
Lokomotiven gewechselt werden, was zu 20 Minuten Verzögerung
führe. "Wir könnten München - Verona eine
Stunde schneller fahren, wenn beide Seiten bemüht wären."
Die Bahn sei zu langsam, und auch das rollende Material sei "nicht
mehr zeitgemäß".
Keine
Lösungsvorschläge von der neuen Regierung
Für
Busreisende immer ärgerlicher seien in Italien die vielen
Einfahrtbeschränkungen für einzelne Städte und
die häufig hohen Parkgebühren, klagte Thomas Schumann,
Vizepräsident des Internationalen Bustouristik Verbandes
RDA in Köln. Autos dürften dagegen weiter in die Städte
hineinfahren. Kein anderes Land in Europa mache es Busreisenden
so schwer wie Italien. Die Zahl der europäischen Busreisenden
dorthin sei von 4,8 Millionen im Jahr 2002 bis 2005 um mehr als
eine Million gesunken. Auch aus Deutschland sei die Zahl im gleichen
Zeitraum um 150.000 Gäste zurückgegangen.

AP
/ Stau auf italienischer Autobahn: Busse dürfen nicht in die Städte,
die Zahl der Busreisenden nach Italien hat drastisch abgenommen
Alle
diese Probleme waren Francesco Rutelli nicht unbekannt. "Wir
verfügen über große Möglichkeiten, stehen
aber auch vor großen Problemen", sagte der Minister
schon zu Beginn des Treffens. Für die neue Regierung Italiens
sei es von Bedeutung, den Tourismus "nicht mehr auf Autopilot
weiterlaufen zu lassen", sondern ihn stärker zu fördern.
Welche Wege sie dazu beschreiten will, blieb aber offen
Von
Christian Röwekamp, gms
Artikel
erschienen in SPIEGEL
ONLINE am 20.07.2006
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