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Dicht dran am Dichter

1786 unternahm Johann Wolfgang von Goethe seine "Italienische Reise". Vor allem von Verona war er angetan, neun Tage blieb er in der Stadt. 220 Jahre später begab sich Sönke Krüger auf des Dichters Spuren - mit dessen Werken im Gepäck. Eine Studienreise in acht Akten
von Sönke Krüger

Das Volk rührt sich hier sehr lebhaft durcheinander, besonders in einigen Straßen, wo Kaufläden und Handwerksbuden aneinanderstoßen, sieht es recht lustig aus. Auf den Plätzen ist es an Markttagen sehr voll, Gemüse und Früchte unübersehlich, Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust. Übrigens schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag, werfen und balgen sich, jauchzen und lachen unaufhörlich. Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung läßt sie leicht leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem Himmel. Fürwahr, lebhaft ist Verona auch dieser Tage. Vor allem ab 16 Uhr, wenn die Geschäfte nach dreistündiger Mittagspause wieder öffnen und sich die Veroneser anschicken, ihre Innenstadt zurückzuerobern, die sie zur heißen Mittagszeit ganz den Touristen überlassen haben.

Herausgeputzt promenieren die Einheimischen des Nachmittags über Gassen und Plätze, es wird gejauchzt und gelacht wie zu Goethes Zeiten und zum Aperitif eingekehrt, schon am frühen Nachmittag knallen die Prosecco-Korken und klirren die Campari-Gläser. Leichtes Leben unter freiem Himmel. Allerdings stoßen kaum noch traditionelle Kaufläden und Handwerksbuden aneinander, heute sind es vornehme Boutiquen, und in ihnen werden nicht Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust feilgeboten, sondern Prada-Pantoletten und Gucci-Gürtel.

Anderthalb Stunden, eine Stunde vor Nacht fängt der Adel an auszufahren, es geht auf den Brà, die lange, breite Straße nach der Porta Nuova zu, das Tor hinaus, an der Stadt hin, und wie es Nacht schlägt, kehrt alles um. Teils fahren sie an die Kirchen, das "Ave Maria della sera" zu beten, teils halten sie auf dem Brà, die Kavaliers treten an die Kutschen, unterhalten sich mit den Damen, und es dauert eine Weile. Wie vor 177 Jahren tummelt sich auch heute in den Stunden um Mitternacht halb Verona auf der Piazza Brà, jenem großartigen Platz, in dessen Mitte die Arena aus der Römerzeit steht. Allerdings ist es unterdessen nicht mehr der Adel, der hier Nacht für Nacht ausfährt, sondern vor allem die Jugend. Anders als früher kehrt die lieber in eine Bar auf einen Drink ein als in eine Kirche auf ein Gebet, und sie ist auch nicht mit Kutschen unterwegs, sondern mit Motorrollern. Kavaliere gibt es dagegen heute wie damals reichlich. Indes beschränken die sich, anders als 1829, keineswegs allein auf bloße Unterhaltung mit den "Damen". Soll heißen: Es wird viel geflirtet und geküsst auf Veronas Straßen und Plätzen.

Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Häuser entspringt auch daher: sie sind immer draußen, und in ihrer Sorglosigkeit denken sie an nichts. Vorhöfe und Säulengänge sind alle mit Unrat besudelt. Der Reiche kann reich sein, Paläste bauen, der Nobile darf regieren, aber wenn er einen Säulengang, einen Vorhof anlegt, so bedient sich das Volk dessen zu seinem Bedürfnis, und es hat kein dringenderes, als das so schnell wie möglich loszuwerden, was es so häufig als möglich zu sich genommen hat. Sorglos und immer draußen sind die Veroneser heute wie damals. Gleichwohl ist ihre Stadt nicht flächendeckend mit Unrat besudelt, denn anders als zu Goethes Zeiten geben die Einheimischen ihrem Harndrang nicht an jeder Säule nach. Im Gegenteil: Die Errungenschaften von Dixie-Klo und Wasserspülung haben auch vor Veronas Stadttoren nicht haltgemacht. Eher sind es Touristen, die ihre Bedürfnisse in der Öffentlichkeit verrichten, weil sie die 50 Cent WC-Gebühren sparen wollen.

Das Amphitheater ist also das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das ich sehe, und so gut erhalten! Als ich hineintrat, mehr noch aber, als ich oben auf dem Rande umherging, schien es mir seltsam, etwas Großes und doch eigentlich nichts zu sehen. Auch will es leer nicht gesehen sein, sondern ganz voll von Menschen. Zu Recht war Goethe beeindruckt von der Arena, jenem runden Gemäuer aus der Römerzeit, etwa 30 n. Chr. errichtet. Die Wucht des 138 Meter langen und 110 Meter breiten Ovals ist vor allem von den oberen Rängen aus betrachtet gewaltig - nach dem Kolosseum in Rom ist es schließlich das zweitgrößte antike Amphitheater weltweit. Die Arena wurde in römischer Zeit für Gladiatorenfehden und Wettkämpfe genutzt. Nach einem schweren Erdbeben im Jahr 1117 diente sie als Steinbruch für die wachsende mittelalterliche Stadt.

Vom damals teilweise eingestürzten Außenring sind heute deshalb nur noch vier Bögen erhalten. Ostgotenkönig Theoderich der Große ließ das Theater im 6. Jahrhundert renovieren, später nutzten die Venezianer die Arena für Aufführungen. Seit 1913 ist sie im Sommer Schauplatz von Opernfestspielen, einem imponierenden Massenspektakel, dem Abend für Abend rund 25 000 Zuschauer unter freiem Himmel beiwohnen - ganz im Sinne Goethes, dem die Arena "voll von Menschen" am meisten imponierte.

Gestern war Oper, sie dauerte bis nach Mitternacht, und ich sehnte mich, zu ruhen. "Die drei Sultaninnen" und "Die Entführung aus dem Serail" haben manche Fetzen hergegeben, woraus das Stück mit weniger Klugheit zusammengeflickt ist. Die Musik hörte sich bequem an, ist aber wahrscheinlich von einem Liebhaber, kein neuer Gedanke, der mich getroffen hätte. Die erste Sängerin, vom ganzen Volke sehr begünstigt, wird, wie sie auftritt, entsetzlich beklatscht, und die Vögel stellen sich vor Freuden ganz ungebärdig, wenn sie etwas recht gut macht, welches sehr oft geschieht. Es ist ein natürlich Wesen, hübsche Figur, schöne Stimme, ein gefällig Gesicht und von einem recht honetten Anstand; in den Armen könnte sie etwas mehr Grazie haben. Indessen komme ich denn doch nicht wieder, ich fühle, daß ich zum Vogel verdorben bin. Hier müssen wir ein wenig schummeln, denn Goethe hat keine Oper in der Arena in Verona besucht (1786 gab es noch keine Festspiele), sondern eine Vorstellung im benachbarten Vicenza gesehen und in seiner "Italienischen Reise" beschrieben. Egal - als Maßstab für die Veroneser Oper taugt ihr Vicentiner Pendant durchaus, denn die Atmosphäre war hier wie dort die gleiche: ein ausgelassenes Volksfest mit einem Publikum aus "ungebärdigen Vögeln".

Noch heute dauert die Vorstellung in Verona lang, bis weit nach Mitternacht, noch heute neigen die Zuschauer zum Überschwang, noch heute werden auch mittelmäßige Diven "entsetzlich beklatscht", mit Bravorufen überhäuft, gar mitten in einer Szene zu Zugaben gezwungen. Gern singt das Publikum lauthals mit, manchmal kommt es auch zu politischen Demonstrationen: Überliefert ist der vorzeitig beendete "Nabucco"-Besuch des Rechtspopulisten Umberto Bossi, Vorsitzender der Lega Nord, die eine Abspaltung des reichen Nordens vom armen Süden Italiens auf ihre Parteifahnen geschrieben hat. Just als der Gefangenenchor auftrat, ertönten im Publikum immer lauter "Viva Verdi"-Rufe.

Die waren jedoch nicht allein als Lobpreisung des Komponisten gedacht. Vielmehr steht "Verdi" seit dem 19. Jahrhundert, als das zerstückelte Italien für seine Einheit kämpfte, auch für "Vittorio Emanuele Re d'Italia". Wer also in Italien "Viva Verdi" ("Es lebe Vittorio Emanuele, König von Italien") ruft, bekennt sich offen zur Einheit des Landes und gegen den Separatismus. Lega-Nord-Chef Bossi verstand, verschwand während der nächsten Pause und ward in der Arena nicht mehr gesehen.

Es ist über Shakespeare schon so viel gesagt, daß es scheinen möchte, als wäre nichts mehr zu sagen übrig, und doch ist das die Eigenschaft des Geistes, daß er den Geist ewig anregt. Nicht nur Goethe wurde von Shakespeare ewig angeregt. Den Verona-Touristen geht es ähnlich, zumindest jenen, die auf den Spuren Romeos und Julias wandeln, die Shakespeare zum berühmtesten Liebespaar aller Zeiten gemacht hat. Sie alle pilgern in die Via Capello 23. Hier hat Julia gelebt, hier schmachtete sie auf ihrem berühmten Balkon. So steht es zumindest in vielen Reiseführern, und so glauben es die Touristen, die trotz Verbots die Wände mit Liebesschwüren bekritzeln, auf dem Balkon zum Foto posieren und die bronzene Julia-Statue im Hof betatschen - das Reiben an der rechten Brust soll angeblich Liebesglück bringen, weshalb sie längst blank gerieben ist.

Selbst schüchterne Japaner beteiligen sich an diesem pikanten Ritual, das allerdings jeder historischen Grundlage entbehrt. Denn nie hat Julia in diesem Haus gelebt, das noch vor 100 Jahren ein Stall war. Auch der Balkon ist nicht echt: Er wurde aus einem alten Sarkophag zusammengezimmert und in den 30er-Jahren an die Fassade geschraubt. Glaube versetzt halt nicht nur Berge, in Verona auch Särge. Man muss lediglich, mit Goethen, an die ewig anregende Eigenschaft des Geistes glauben.

Der Weg von Verona hieher ist sehr angenehm, man fährt nordostwärts an den Gebirgen hin und hat die Vorderberge, die aus Sand, Kalk, Ton, Mergel bestehen, immer linker Hand; auf den Hügeln, die sie bilden, liegen Orte, Schlösser, Häuser. Rechts verbreitet sich die weite Fläche, durch die man fährt. Der gerade, gut unterhaltene, breite Weg geht durch fruchtbares Feld, man blickt in tiefe Baumreihen, an welchen die Reben in die Höhe gezogen sind, die sodann, als wären es luftige Zweige, herunterfallen. Die Trauben sind zeitig und beschweren die Ranken, die schwankend niederhängen. Der Weg ist voll Menschen aller Art und Gewerbes, besonders freuten mich die Wagen mit tellerartigen Rädern, die, mit vier Ochsen bespannt, große Kufen hin und wider führen, in welchen die Weintrauben aus den Gärten geholt und gestampft werden. Es sah einem bacchischen Triumphzug ganz ähnlich.

Von Verona aus fuhr Goethe weiter nach Vicenza. Wir folgen seinen Spuren. Noch immer stehen linker Hand die Berge, auf ihnen liegen Orte, Schlösser, Häuser. Dazwischen allerdings tut sich nicht liebliche Landschaft auf, sondern es reiht sich ein Gewerbegrundstück an das andere. Denn das, was Goethe als "weite Fläche" beschreibt, die sich rechts verbreitet, ist die Poebene, das wirtschaftliche Herz Italiens - ein endlos scheinendes Industriegebiet, in dem sich nur noch wenige Maisfelder und Rebstöcke, Pinienhaine und Palazzi finden. Gewiss, schöne Flecken gibt es noch, aber man muss sie suchen.

Die Verkehrssituation ist heute nicht anders als seinerzeit: "Der Weg ist voll Menschen aller Art und Gewerbes", nur dass der Weg längst eine viel befahrene Autostrada ist. Und statt Ochsenwagen, die Weintrauben durch die Landschaft karren, sind es Kolonnen von Lastwagen, die italienische Konsumgüter aus den Fabriken holen und in aller Herren Länder transportieren. Es sieht einem Welthandelstriumphzug ganz ähnlich.

Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen, habe schon die Stadt durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäude des Palladio gesehen. Wenn man nun diese Werke gegenwärtig sieht, so erkennt man erst den großen Wert derselben. Es ist wirklich etwas Göttliches in seinen Anlagen. Andrea Palladio, Italiens berühmtester Baumeister, beeindruckte nicht nur Goethe, sondern auch die Unesco, die die Stadt 1994 zum Weltkulturerbe erhob. In und um Vicenza baute Palladio Dutzende Häuser, darunter die Basilika, die gar kein Gotteshaus ist, sondern ein Versammlungsort der Stadtoberen, und das Olympische Theater, ein magischer Raum aus Holz und Stuck, dessen Kulisse das antike Theben mit sieben Straßen zeigt, die sich perspektivisch so verjüngen, dass man vom Zuschauerraum aus den Eindruck hat, die Kulisse sei mehrere Hundert Meter tief. Tatsächlich misst sie 23 Meter.

Palladios Meisterwerk jedoch ist die Villa Rotonda vor den Toren der Stadt: Der quadratische Grundriss, die vier Vorhallen mit Freitreppen und jeweils sechs Säulen sowie die von einer Kuppel gekrönte Haupthalle sorgen für perfekte Proportionen, die die Villa zu einem Klassiker des Klassizismus machen. Jede der vier Seiten könnte glatt als Tempel durchgehen, womit wir wieder bei Goethe wären: "Es ist wirklich etwas Göttliches in seinen Anlagen." Wo er recht hat, hat er recht.

Artikel erschienen am 6. August 2006 - Welt am Sonntag

www.presse.arena-verona.de

www.verona-gardasee.de


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