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Lange Gesichter
bei Tui & Co
Die
goldenen Zeiten der Touristikbranche sind vorbei. Preiskrieg und
Billigflieger haben den Wettbewerb verändert. Und den Kunden ...
von
Martina Goy
Die
Kälte hatte diese Woche auch Europas größten Touristik-Konzern
TUI fest im Griff. Vorstandschef Michael Frenzel: erkältet.
Deutschland-Chef Volker Böttcher: vergrippt.
Und
das ausgerechnet eine Woche vor dem wichtigsten Schaulaufen der
Saison. Kommenden Freitag beginnt in Berlin die Internationale
Tourismus-Börse ITB, und dann wird sich die Sonnenschein-
und Gute-Laune-Branche wieder einmal alle Mühe geben, zu
verschleiern, was seit zwei Jahren offensichtlich ist: Die Ferien-Industrie
ist in der Krise.
Immer
noch.
Terror,
Krieg, Seuchen sowie Preisverfall durch Billiganbieter und -flieger
haben die bis dahin kalkulierbare Nachfrage dramatisch verändert.
Last-Minute, Online, Baustein-System heißen die neuen Zauberworte
zum Erfolg. Sogar die gute alte Pauschalreise ist in der Krise.
Weltweit musste die Touristik-Branche 2003 erneut einen Rückgang
von 1,2 Prozent hinnehmen - mit neun Millionen Reisenden weniger
als im Vorjahr ist dies nach Angaben der Welttourismusorganisation
sogar der stärkste Abfall seit Jahrzehnten.
In
Deutschland ist die Lage ähnlich brisant. Studien prophezeien
nach Boomjahren mit zweistelligem Wachstum bis 2010 nur noch Steigerungen
von weniger als drei Prozent. Dazu passt, dass die Reisebestellungen
im vergangenen Jahr insgesamt bei TUI, Thomas Cook, Rewe und Co.
trotz einer nie da gewesenen Preisschlacht um fünf bis sieben
Prozent zurückgingen. Und obwohl die Buchungen wieder angezogen
haben, hält sich der Optimismus der Experten in Grenzen.
"Es geht zwar aufwärts", sagt Christian Börgen
vom Deutschen Reisebüro- und Veranstalterverband DRV, "aber
höchstens moderat. Das Defizit aus 2003 werden wir auf keinen
Fall ausgleichen können."
Wie
an- oder entspannt die Lage tatsächlich ist wird sich Ende
März zeigen. Dann präsentiert Branchenprimus TUI die
Bilanzzahlen aus dem vergangenen Jahr, ein erstes Indiz dafür,
ob der stilisierte Mund des Smileys, das Erkennungszeichen des
Ferien-Konzerns, nach oben oder nach unten zeigen sollte.
Die
aus dem ehemaligen Stahlunternehmen Preussag hervorgegangene TUI
drückt nach dem Umbau zu einem Touristik-Unternehmen noch
immer eine Nettoverschuldung von drei Milliarden Euro. Zwar versucht
Vorstandschef Frenzel durch den Restverkauf konzernfremder Teile,
wie beispielsweise die Logistiksparte, diese Zahl noch in diesem
Jahr auf unter zwei Milliarden zu drücken, doch Analysten
sahen in den vergangenen Monaten angesichts der anhaltenden Reiseunlust
der Deutschen die Entwicklung im Kerngeschäft dennoch skeptisch.
Grundlos wie man bei der TUI meint. "Mit dem Winter sind
wir zufrieden", sagte Deutschland-Chef Böttcher diese
Woche, "da liegen wir über Vorjahr. Und an unseren Plänen,
eine Umsatzsteigerung von fünf Prozent für dieses Jahr
zu erzielen, halten wir ebenfalls fest."
Dazu
ist dem Großkonzern jedes Mittel recht. Die neueste schrille
Werbeaktion zum Kundenfang: Im Sommerflugplan nimmt TUI mit Bari
und Klagenfurt zwei neue Reiseziele auf. Der Clou dabei: Die Passagiere
der konzerneigenen Billigfluglinie Hapag-Lloyd-Express bestimmen
für die kommenden Erstflüge im April und Mai den Preis
selbst. Seit gestern läuft der telefonische Countdown für
die Anmeldung. Erst an Bord der Maschine zahlt der Fluggast freiwillig
den Betrag in bar, den er für angemessen hält. "Wir
wollen damit unsere Preiswürdigkeit im deutschen Low-Cost-Segment
erneut unter Beweis stellen", sagt Wolfgang Kurth, der Airline-Chef.
Ganz
anders hingegen Strategie und Stimmung bei der Konkurrenz, dem
Oberurseler Konzern Thomas Cook. Die Ergebnis- und Nachrichtenlage
ist hier düster. Geschätzt 300 Millionen Euro Verlust
sollen im Geschäftsjahr 2002/2003 erwirtschaftet worden sein.
Am Freitag tagte der Aufsichtsrat mit dem neuen Chefsanierer Wolfgang
Beeser, Nachfolger des im Herbst geschassten Stefan Pichler. Die
Baustellen, die es abzuarbeiten gilt, sind vielfältig. Vornweg
der Verlust bringende Ferienflieger Thomas Cook Airline. Um den
Fortbestand des Charter-Carriers, von den erfolgreich vorfliegenden
Billigfliegern besonders kannibalisiert, ranken sich derzeit die
wildesten Gerüchte. Der alte Name Condor soll wieder her,
mutmaßen die Traditionalisten, ein Billigflieger soll es
endlich werden, wispern Fortschrittsgläubige. Fatalisten
wiederum spekulieren gar auf ein Zerschlagen des Konzerns. Fakt
auf jeden Fall ist: Die Kosten müssen drastisch gesenkt werden
- das Hauptthema der Sitzung.
Damit
aber nicht genug an Druck. Weil Thomas Cook zur Hälfte der
Lufthansa und dem Handelskonzern Karstadt-Quelle gehört,
ist die Rückkehr zum Erfolg absolutes Muss. Schließlich
vermiesen die schlechten Zahlen der Touristik den Flug- und Handelsriesen
die eigene Bilanz. Das könnte unangenehme Folgen haben. "Die
Lufthansa kehrt ganz klar zurück zur Fokussierung aufs Kerngeschäft",
sagt Touristik-Experte Dieter Schneiderbauer, Vizepräsident
von Mercer Management Consulting, "das sagt zwar niemand
öffentlich, aber die Tatsache, dass Lufthansa-Chef Wolfgang
Mayrhuber persönlich die Passage führt, beweist diesen
Trend ebenso wie es die Portfolio-Bereinigungsversuche in den
USA tun, wo Teile des ebenfalls defizitären Catering-Unternehmens
LSG Sky-Chefs verkauft werden sollen." Daraus folgt für
Schneiderbauer: "Die Lufthansa wird sich in absehbarer Zeit
von der Verlust bringenden und synergetisch unbefriedigenden Beteiligung
an Thomas Cook wieder trennen."
Die
deutsche Vorzeige-Fluglinie flog 2003 nach vorläufigen Zahlen
mit einer Milliarde Euro ebenfalls einen Verlust ein und will
deshalb keine Dividende zahlen. Dennoch ist Lufthansa-Chef Mayrhuber
optimistisch. Seine angriffslustige Prognose für 2004: "Wir
werden zu den Gewinnern im Veränderungsprozess der Luftfahrtbranche
gehören."
Und
noch einer Sparte im Geschäft mit dem Reisen geht es schlecht:
Deutschlands Hoteliers leiden ebenfalls unter dem Ausbleiben nationaler
und internationaler Gäste. "Das vergangene Jahr",
sagt Stephan Gerhard, Geschäftsführer der Unternehmensberatung
Treugast, "war das bisher schlimmste." Die Folge eines
ebenfalls desaströsen Preiskrieges der Hoteliers: Auslastung
und Preis gingen massiv zurück: seit 2001 um 22 Prozent.
Zurzeit stehen Nacht für Nacht zwei von drei Betten leer.
Einziger Lichtblick ist für die Experten die Fußball-Weltmeisterschaft
2006. "In Deutschland können wir uns zwar nicht als
Sonnen- und Urlaubs-Weltmeister präsentieren", sagt
Gerhard ironisch, "aber als weltweit führender Messestandort
und vielleicht als Tagungs-Destination Nummer eins."
Für
derlei Werbung wird die Beherbergungsbranche auch auf der ITB
Geld ausgeben. Anders als die großen Touristiker. Lediglich
Marktführer TUI investiert auch in diesem Jahr in einen Stand
in Berlin. Die direkte Konkurrenz verzichtet. Aus Kostengründen.
Artikel
erschienen am 7.3.2004 - Welt
am Sonntag
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