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Trendwende im Wintertourismus

Bayern setzt auf Kunstschnee. Aber viele Urlauber ziehen die Erholung in der Natur dem Pistenrummel vor
von Hermann Weiß

Es war krass. Es war hip. Es war Action. Es war Party. Das Snow-Fun-Festival auf dem Zugspitz-Plateau in Garmisch-Partenkirchen, Start in die Skisaison 2004/2005, lockte vor einer Woche Tausende junger Leute in die Berge, wo sie fanden, was sie suchten: den Thrill in Halfpipe oder "Race Arena". Neue Trends von Wintergolf bis Snow-Soccer. Personal Training. Viel Musik. Und zum Abschluß kollektives Chillen.

Es sei ein gelungenes Startwochenende gewesen, sagte eine Sprecherin des Festivals nach dreitägigem Party-Marathon. Und als würde der Himmel die Hoffnung der Sponsoren - vom Ski-Hersteller Atomic über den Deutschen Skilehrerverband bis zur Bayerischen Zugspitzbahn - erhören, schickte er passend zum Event auch gleich den ersten Schnee. Ein Zeichen? Die Renaissance des Winters und des Wintersports? Für die Tourismusindustrie ist der Winter zum Vabanquespiel geworden. Das Kriterium der Schneesicherheit etwa, wonach in mindestens sieben von zehn Wintern in der Zeit vom 1. Dezember bis 15. April an wenigstens 100 Tagen eine ausreichende Schneedecke für den alpinen Skisport vorhanden sein muß, erfüllen die bayerischen Skigebiete nur bedingt. Mal fallen, wie in diesem Jahr, schon im November bis zu 35 Zentimeter Schnee, mal läßt die weiße Pracht bis in den Januar auf sich warten. "Wenn ich mir was wünschen dürfte", sagt Anna-Maria Muck, Sprecherin der Bayern Tourismus Marketing GmbH, "dann wäre das viel Schnee so um den 10. Dezember herum. Jetzt ist der Boden noch nicht in einem Zustand, daß man sagen könnte, das hält die nächsten zwei, drei Monate."

Das Weihnachtsgeschäft und der Januar sind für die Branche wichtig. Aber wichtig ist auch, daß die Saison so früh wie möglich beginnt, sagt Wolfgang Bosch, Chef des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte (VDS): "Am Beginn des Winters sind die Leute noch heiß aufs Skifahren. Ins Frühjahr hinaus, auch wenn der Schnee noch da ist, läßt das nach."

Wie gerufen kommt deshalb die Nachricht aus München, daß am 30. November im Landtag über die Aufhebung des seit 1993 geltenden staatlichen Förderungsverbots für Beschneiungsanlagen entschieden werden soll. Die CSU will außerdem die Vorschriften für die Genehmigung der Schneekanonen lockern und einen Einsatz von Mitte November bis Ende März erlauben - bisher durften die Skipisten-Betreiber in Bayern ihre Pisten nur von Anfang Dezember bis Ende Februar beschneien.

"Gott sei Dank", freut sich Wolfgang Bosch, der die Interessen von 103 Seilbahnen und 1216 Liften in Bayern vertritt: "Wir brauchen den Schnee." Höchste Zeit, meint auch Anna-Maria Muck: "Wenn wir unsere Skigebiete halten wollen, sind wir gezwungen, die Infrastruktur zu liefern. Und dazu gehört nun mal der Schnee."

Es sieht gut aus für die Skipisten-Betreiber, die bereits in den vergangenen Jahren 90 Beschneiungsanlagen auf insgesamt 3700 Hektar Piste verteilten - ein Klacks, verglichen mit den (aus Unternehmersicht) paradiesischen Verhältnissen in Österreich und Südtirol. Während Bayern gerade mal elf Prozent seiner Pisten künstlich beschneit, sind es in Österreich 38, in Südtirol sogar 55 Prozent. Jetzt, endlich, könnte man etwas tun, Boden gutmachen im Wettbewerb, sogar "ein Aufrüsten auf 15 Prozent wäre sicher kein Verbrechen", meint Anna-Maria Muck. Die Frage ist allerdings, ob der Aufwand sich lohnt - eine Schweizer Studie zum Thema Wintersport läßt jetzt eher das Gegenteil vermuten.

Demnach fahren Skifahrer nicht in Skigebiete, wenn es an ihren Wohnorten, in tieferen Lagen, nicht schneit. Sie erwarten sichere Schneeverhältnisse und werden immer anspruchsvoller, was die Pisten angeht. Für tiefer liegende Gebiete sei außerdem fraglich, ob noch genügend Kälteperioden auftreten, um eine Piste während der ganzen Wintersaison beschneien zu können, warnen die Wissenschaftler aus Zürich, Bern und Lausanne. Schlechte Karten also für Bayern.

Die weiß-blaue Schneekanonen-Offensive kommt vielleicht auch aus einem anderen Grund zu spät: Sie zielt auf die Skifahrer. Doch die werden immer weniger. Nur noch ein Prozent der Deutschen bezeichnen sich als echte Skifahrer. Und nur noch zwölf Prozent der Winterurlauber überhaupt fahren wegen der sportlichen Betätigung in die Berge. "Skifahren hat nicht mehr den Stellenwert", klagt Wolfgang Bosch, "auch Snowboarden als Trendsport hat nachgelassen."

Zum Forum Seilbahnen, einem Workshop im Rahmen der Deutschen Seilbahntagung im Oktober in Bad Reichenhall, hatte der VDS zum ersten Mal einen Trendforscher eingeladen - Ausdruck des Unbehagens, daß den Seilbahnen die Hauptzielgruppe abhanden kommen könnte. Doch auch Paul Furger, Unternehmensberater aus der Schweiz, hatte wenig Tröstliches zu bieten: Bei den Winterurlaubern von heute handle es sich um "multioptionale Kunden", denen auch "multioptionale Erlebnisse" geboten werden müßten. Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Bayern Tourismus Marketing: "Auch eingefleischte Skifahrer sind heute Genießer, fahren zwei Stunden Ski statt fünf oder sechs, kommen zurück, gehen in die Sauna, lassen sich eine Massage machen." Die geänderten Bedürfnisse stellen viele Wintersportorte vor Probleme, umgekehrt werden aus Verweigerern plötzlich Trendsetter wie in Immenstadt. Dort hatte Bürgermeister Gerd Bischoff als Reaktion auf die Klimaerwärmung und den Konkurs einer Seilbahn die Liftanlage am Gschwender Horn einfach abbauen lassen. Die Segnungen des Kunstschnees, sagt Bischoff, seien ihm suspekt: "Das ist was für klassische Hochgebirgsschneeregionen. Bis 1400 Meter aber richten Sie auch mit Schneekanonen wenig aus."

Eben noch milde belächelt, wird die Gemeinde im Oberallgäu jetzt von vielen beneidet. Man kann auch noch Skifahren in Immenstadt, so Bischoff, aber am Gschwender Horn, wo einst die Pistenwalzen rollten, kommen heute wie schon vor Jahrzehnten die Skitouren-Geher wieder zu ihrem Recht. Rodeln, Schneeschuh-Wandern, Langlauf und ein Netz von Winterwanderwegen warten auf die Urlauber, auch im Wellness-Bereich, sagt Anna-Maria Muck, liegt das Allgäu neben dem Arber-Gebiet im Bayerischen Wald mittlerweile ganz vorn.

"Die dynamischsten Wachstumsmärkte im europäischen Reisemarkt liegen heute im Gesundheits- und Wellnesstourismus", so Thomas Bausch, Professor an der Münchner FH, der ein EU-Projekt "zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit alpiner Gesundheits- und Wellnessdestinationen" betreut.

Ski heil? Vor allem klassische Wintersportorte werden umdenken müssen. Vorteil: "Für die Wellness", sagt Anna-Maria Muck, "braucht man wenig Schnee. Es reicht, wenn's angezuckert ist."

Artikel erschienen am 21.11.2004 - Welt am Sonntag


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