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Deutsche
fliegen der WM davon
Für
den Sommer können sich die Reiseveranstalter über gute Buchungszahlen
freuen. Die befürchtete Fußball-Flaute bleibt aus
Wenn Michael Ballack, Oliver Kahn und die anderen Nationalspieler
des FC Bayern München sich womöglich über ungerechte
Abseitsentscheidungen oder nicht gegebene Tore aufregen, wird
ihr Klubtrainer Felix Magath voraussichtlich gerade andere Sorgen
haben. Vielleicht fehlt ihm ein Handtuch für die Liege am
Swimmingpool. Der Bayern-Trainer macht nämlich, so hat er
jüngst verraten, erst einmal Urlaub, wenn in Deutschland
die Fußball-Weltmeisterschaft startet.
Damit
liegt Magath voll im Trend. Die Befürchtungen der Touristikbranche,
im Zuge der WM werde mitten in der traditionellen Hochsaison im
Juni eine Reiseflaute anbrechen, weil ganz Deutschland zu Hause
vor dem Fernseher hockt, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil:
"Der Juni ist so gut gebucht wie seit Jahrzehnten nicht",
sagt Christian Obst, Tourismus-Analyst bei der HypoVereinsbank.
Die großen Veranstalter TUI und Thomas Cook können
schon vor dem jährlichen Branchentreffen bei der Internationalen
Tourismusbörse (ITB), die am 8. März in Berlin beginnt,
Entwarnung geben.
"Unsere
Zielsetzung war es, das Geschäftsvolumen zu halten",
sagt TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher. "Wir sind
davon ausgegangen, daß das schwieriger wird." Deshalb
griff man zu einem einfachen, aber offenbar effektiven Mittel.
"Wir haben unsere Rabatte stark auf den Zeitraum der WM konzentriert",
sagt Böttcher. Frühbucher konnten sich so günstige
Konditionen sichern - zu einem Zeitpunkt, da die WM noch nicht
so stark in ihrem Bewußtsein war.
Ganz
gegen König Fußball wollte sich TUI aber doch nicht
stellen. Neben den Rabatten gibt es daher spezielle WM-Angebote:
Hotels in Urlaubsorten stellen Großleinwände für
die Übertragungen auf. Sie mußten sich gegenüber
den Veranstaltern verpflichten, dort neben den privaten Programmen
auch ARD und ZDF zu zeigen, die die Spiele übertragen. Ähnlich
sieht es beim Konkurrenten Thomas Cook aus. Die Buchungen liegen
gegenüber dem Vorjahr mit elf Prozent im Plus. "Geholfen
haben auch Angebote wie etwa Reisepakete nach Brasilien, ins Land
des Rekordweltmeisters", so Thomas-Cook-Vorstand Peter Fankhauser.
Felix
Magath liegt aber nicht nur im Trend, was die Fußball-WM
angeht. Generell haben die Deutschen offenbar ihre Reiselust zurückgewonnen.
Trotz hoher Arbeitslosigkeit, geringem Wirtschaftswachstum und
der sich nur langsam bessernden Stimmung können die Touristikunternehmen
wieder auf ein ordentliches Wachstum hoffen. Sowohl Thomas Cook
als auch Branchenführer TUI gehen davon aus, daß die
Zahl der Gäste in diesem Jahr um bis zu vier Prozent steigen
könnte.
Damit
sind sie offenbar auf den Wachstumspfad der Vergangenheit zurückgekehrt.
"Mit Ausnahme der Horrorjahre 2002 und 2003 ist es in der
Touristik 40 Jahre lang aufwärtsgegangen", so Analyst
Obst. "Anders als das Fluggeschäft kann man den Tourismus
nicht im Zusammenhang mit der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes
sehen." Also: Auch wenn das Geld knapp ist, der Urlaub findet
trotzdem statt. "Die Rahmendaten sind zwar nicht so gut,
aber es gibt auch sehr viele Leute mit Jobs, und die Kaufkraft
ist noch nicht ausgereizt", glaubt Böttcher. "Die
Deutschen blicken wieder optimistischer in die Zukunft",
findet Fankhauser.
Ihre
Zuwächse stellen die großen Veranstalter weitgehend
in den gleichen Zielgebieten fest: Das spanische Festland läuft
gut, ebenso wie die Balearen und die Kanaren. Böttcher hat
sogar ein "Mallorca-Comeback" ausgemacht. Auch die Buchungen
nach Griechenland seien "sehr erfreulich", und die Lage
auf den Fernstrecken auch in die ehemaligen Tsunami-Gebiete habe
sich entspannt.
Unter
dem Ausbruch der Vogelgrippe hat in Sachen Frühbuchungen
bislang nur die Türkei gelitten. Dort war das Virus bereits
von Vögeln auf Menschen übertragen worden. Die TUI will
nun bis Ende März beobachten, wie die Urlauber mit dem Thema
umgehen, und erst dann mögliche Entscheidungen treffen. Thomas
Cook verweist vorsichtshalber schon jetzt darauf, daß das
Virus in den touristischen Gebieten von Kemer, Antalya und Alanya
bislang noch gar nicht aufgetreten ist.
Geändert
hat sich trotz der neuen guten Laune vieles für die traditionellen
Reiseanbieter. Vor allem das Internet und die immer stärker
werdende Konkurrenz der auf dieses Medium spezialisierten Reisebüros
setzen den Konzernen zu. "Die Strukturveränderungen
in der Branche sind noch nicht abgeschlossen", glaubt Obst.
Der Anteil des Direktvertriebs wird seiner Ansicht nach weiter
stark ansteigen. Die TUI wird deswegen auf der ITB eine neue Version
ihres eigenen Internet-Auftritts vorstellen, um den Trend zur
Direktbuchung für sich zu nutzen. "Dynamic Packaging"
nennt sich das Angebot. Was auf deutsch bedeutet, daß sich
die Kundschaft selbst und online die einzelnen Bestandteile des
Urlaubs wie Flug, Hotel oder Mietwagen zusammenstellen kann.
Auch
Thomas Cook setzt auf mehr Profit im Netz. Wie genau das aussehen
könnte, ist aber noch unklar. Seit der neue Konzernchef Thomas
Holtrop amtiert, denken seine Strategen verstärkt darüber
nach, wie der Konzern nach der anstrengenden Sanierung nun auch
einmal wieder wachsen könnte. Details sind bislang nicht
nach außen gedrungen. Jedoch wartet die Branche gespannt
auf den ersten Auftritt Holtrops bei der Vorstellung der Thomas-Cook-Bilanz
Anfang März.
Über
den Erfolg solcher Projekte scheiden sich zumindest im Vorfeld
noch die Geister. "Die TUI kann die eigene Größe
mit den neuen Technologien kombinieren", glaubt HVB-Analyst
Obst. "Im Direktvertrieb werden sich bekannte Marken als
großer Vorteil herauskristallisieren." Andere sind
sich da nicht so sicher. "Ich habe Zweifel an der Qualität
des Auftritts", sagt Roland Conrady, Professor für Touristik
an der Fachhochschule Worms. "Die Marke TUI steht nur für
einen Anbieter. Das wollen die Kunden aber gerade nicht."
Nicht-markengebundene Internet-Firmen wie Expedia seien den traditionellen
Konzernen auf dem Gebiet deshalb immer noch überlegen: "Die
Spezialisten sind leistungsfähiger."
Auf
durch solche Vorstöße sinkende Preise dürfen die
Kunden vorerst jedenfalls nicht hoffen. Schuld daran sind im wesentlichen
die hohen Treibstoffkosten. "Ich kann mir bei den anhaltend
hohen Ölpreisen kaum vorstellen, daß die Preise im
nächsten Jahr sinken werden", sagt Fankhauser. Die Fluggesellschaften
versuchen, die höheren Kosten über Zuschläge an
die Passagiere weiterzugeben. Die Reiseveranstalter haben diese
Möglichkeit kaum. Und bei ihren Lieferanten haben sie das
Sparpotential bereits weitgehend ausgereizt, glaubt zumindest
Analyst Obst. Nun müsse es darum gehen, das Qualitätsniveau
vor allem der Hotels zu halten. Auch wenn im Juni die Aufmerksamkeit
vielleicht doch dem Fußball gelten könnte.
Jens Flottau
Artikel
erschienen am 26.02.2006 - Welt
am Sonntag
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